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Irma Issakadze spielt Bachs Partiten

26.03.2011  | von Attila Csampai
 
Schon 2008 überraschte uns Irma Issakadze mit ihrer exzeptionellen Deutung der Bachschen „Goldberg-Variationen“, die selbst Goulds „Jahrhunderteinspielungen“ Paroli boten. Jetzt hat die junge Georgierin eine ähnlich suggestive Interpretation der unterschätzten Partiten nachgereicht.

Irma Issakadze spielt Bachs Partiten
Auch wenn sich die meisten Pianisten bis heute lieber den „Goldberg-Variationen“ oder den beiden Bänden des „Wohltemperierten Klaviers“ zuwenden, zählen auch Bachs sechs Klavierpartiten, die er 1731 als sein opus 1 komplett in Druck gab, zu den absoluten Gipfelwerken der Klavierliteratur und sie bilden den krönenden Abschluss der zweihundertjährigen Geschichte der Suite. Selbst Glenn Gould, der grösste Bach-Rebell des zwanzigsten Jahrhunderts, quälte sich fünf Jahre lang mit ihnen und tadelte dann seine eigene Interpretation der fünften Partita als „meine schlimmste Bach-Aufnahme“ . Das war vor fünfzig Jahren, und noch immer gilt seine gnadenlose, sperrig-spröde Version als der Massstab, an dem alle späteren Interpreten gemessen werden.

Jetzt hat eine junge in München lebende Georgierin, Irma Issakadze, die schon im Herbst 2008 mit ihrer spektakulären Deutung der „Goldberg-Variationen‟ aufhorchen liess, Goulds Bann endlich gebrochen und den kompletten Zyklus aller sechs Partiten so hochmusikalisch, so pianistisch perfekt und sinnreich „zum Leben“ erweckt, dass man vom ersten bis zum letzten Takt dieser zweieinhalbstündigen Hörreise in eine andere, bessere Welt des reinen Gefühls, des klaren Geistes und einer innerlich durchlebten, sprechenden Polyphonie entführt wird.

Wie schon bei ihrem ersten Bach-Album durchwirkt sie die komplexen Strukturen, die kontrapunktische Logik Bachs mit einem feminin anmutenden Wärmestrom der tastenden Empfindsamkeit in den lyrischen Binnen-Sätzen bis hin zu flammender, dramatischer Sinnlichkeit in den gewichtigen Ecksätzen, so dass sie die bei Gould dominierende Motorik unerbittlicher, spröder Objektivität in zutiefst menschliche Klangrede, in empfindsame oder leidenschaftliche Seelendiskurse verwandelt und so den ständig wiederkehrenden Kanon von stilisierten Tanzstücken als eine Folge individueller Charakterstücke kenntlich macht. Bach entpuppt sich hier als „Menschengestalter“, als Seelenseismograph, und als musikalischer Visionär, der kontrapunktische Logik mit mozartischer Empfindsamkeit und chopinschem Klangzauber kombiniert – und so seinem Zeitalter weit vorausgreift.

Issakadzes romantisch anmutende Sensibilität und emotionale Mobilität, in die sie den Hörer mit feinster Agogik mit einbezieht, stehen aber auf dem festen Boden unerschütterlichen Ernstes und eines wunderbar ausdifferenzierten, substanzreich-runden Anschlags, der niemals seine klaren Konturen verliert und weitgehend ohne Pedaleinsatz einen betörenden Reichtum an Farben und Stimmungen ausbreitet. Selten klang Bach auf einem modernen Steinway so ausgehört, so substanzreich-sinnlich und kontrapunktisch-klar, und dieser perfekte, runde und kernige Klangeindruck verdankt sich auch dem BR-Tonmeister Wolfgang Schreiner und den beiden exzellenten Klaviertechnikern.

Mit ihrem zweiten Bach-Album hat Irma Issakadze ihre überragende Bach-Kompetenz erneut untermauert, und zugleich auf faszinierende Weise den inneren Reichtum, die Schönheit und Grösse seiner Partiten neu entdeckt. Das ist für mich die beste, substanzreichste, fesselndste Bach-Klavieraufnahme seit langem und man fragt sich, warum solche Ereignisse heute im Verborgenen stattfinden müssen, während sich im Rampenlicht die gecasteten Eintagsfliegen mit ihrem belanglosen Geklimper tummeln. Da hat sich Labelchef Dieter Oehms zu seinem 70sten selbst das schönste Geschenk gemacht.

Interpretation 100%
Editorischer Wert 100%

J. S. Bach: Sechs Partiten für Klavier BWV 825-830 (Clavier-Übung Nr.1)
Irma Issakadze, Klavier (Aufnahme 2010, Koproduktion BR-Klassik)
Oehms Classics OC 781 (2 CDs)
TT: 149’45

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