Sir Colin Davis betritt Neuland: Die erste Folge seines Zyklus‘ mit sämtlichen Sinfonien Carl Nielsens überzeugt durch Zielstrebigkeit, Souveränität der Formbeherrschung sowie ein geradezu jugendliches Temperament.
| Carl Nielsen – Sinfonien Nr. 4 und 5 – London Symphony Orchestra, Leitung: Sir Colin Davis |
Auch wenn bereits mehrere Gesamteinspielungen von Nielsens Sinfonien existieren, ist für neue Unternehmungen auf diesem Gebiet immer Platz – um so mehr, als der Komponist, zumindest auf dem europäischen Kontinent, immer noch der ihm gebührenden Würdigung harrt.
Nielsen war ein Klassiker, der mit den um die Wende zum 20. Jahrhundert grassierenden Auflösungstendenzen nichts zu schaffen hatte. Nichtsdestoweniger gelangte er in seinen späteren Werken, etwa ab der Vierten Sinfonie, zu völlig neuartigen Formulierungen formaler wie auch tonaler Art, und dies völlig unabhängig von den Speerspitzen der europäischen Avantgarde. Er schuf sich seine eigene Moderne, unter konsequenter Umgehung der Spätromantik. Alles an dieser Musik ist pure, vibrierende Energie.
Geradezu überschäumende Energie ist es auch, die Davis' Interpretationen vorwiegend prägt. Für die Vierte mit dem Untertitel „Das Unauslöschliche‟ („Musik ist Leben und unauslöschlich wie dieses‟ sagte Nielsen dazu) benötigt er gerade einmal 31 Minuten – das ist schneller als der Großteil der Konkurrenz. Schnelles Tempo allein garantiert indes noch keine große Interpretation; diese resultiert bei Nielsen vor allem auf einer konsistenten Tempogestaltung, und auch hier vermag Davis, der sich nicht in Einzelheiten verliert, zu punkten. Er treibt seine Zielstrebigkeit so weit, dass er der Apotheose des Finales keine aufatmende Erleichterung gönnt, sondern die Musik gnadenlos zum Schluss peitscht.
Nicht ganz den selben positiven Eindruck hinterlässt der Kopfsatz der Fünften, in dem die durch das Schlagwerk verkörperten negativen Kräfte – im zweiten Teil des Satzes versucht eine improvisierende (!) kleine Trommel den Verlauf der Musik mit allen Kräften zu stören – ruhig etwas zupackender zu Werke gehen könnten. Dafür überzeugt der zweite (und letzte) Satz durch vom ersten bis zum letzten Takt hörbare Hochspannung; das Orchester musiziert quasi auf der Stuhlkante.
Die modernen Referenzaufnahmen dieser Werke – von Herbert Blomstedt (Decca) und Michael Schønwandt (DaCapo) – werden durch Davis‘ (klanglich übrigens mehr als zufriedenstellende) Neueinspielung zwar nicht vom Sockel gestoßen, doch darf man auf die Fortsetzung dieses Zyklus‘ gespannt sein. Auf jeden Fall hat Sir Colin Gespür für diese Musik, und um sein Temperament können ihn viele halb so alte Dirigenten beneiden!
| Interpretation | 85 % |
| Repertoirewert | 70 % |
| Carl Nielsen – Sinfonien Nr. 4 und 5 |
|---|
| London Symphony Orchestra |
| Leitung: Sir Colin Davis |
| Aufgenommen 10 / 2009 (Nr. 5) & 05 // 2010 |
| LSO live / Note 1 SACD LSO 0694 |
| TT: 66' |













