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Michael Korsticks „radikaler“ Beethoven-Zyklus – Folge Acht

12.12.2010  | von Attila Csampai
 
Ein radikaler, genialischer „Gedankenleser“ erklärt uns mit unerbittlicher Deutlichkeit drei neue Kapitel im „Neuen Testament“ Beethovens: Auch in dieser Folge seines Mehrkanal-Projekts der Klaviersonaten Beethovens setzt Michael Korstick mit unbestechlicher Klarheit seine Studien über „musikalische Logik“ fort – über die Logik des reinen Gedankens und der reinen Empfindung.

Michael Korsticks „radikaler“ Beethoven-Zyklus – Folge Acht
In der neuen, achten Folge seines bislang wirklich aufsehenerregenden Beethoven-Zyklus‘ hat sich Deutschlands kompromisslosester Pianist Michael Korstick die beiden überaus populären und auch ziemlich ausgereizten Namenssonaten „Waldstein“ und „Appassionata“ vorgenommen, die die kleine, aber feine F-dur-Sonate op.54 bedeutungsvoll einrahmen. Und wie schon in den ersten sieben Alben seines in jeder Beziehung extremen, über weite Strecken geradezu unbequemen Beethoven-Projekts besticht der 55jährige Kölner auch hier wieder durch seine grenzwertige und oft genug Grenzen überschreitende Kombination aus rigoroser, fast pedantischer Notengenauigkeit, schroffer Prägnanz und einer emotionalen „Geladenheit“ , die man durchaus mit den Wutausbrüchen Beethovens und seinem „heiligen Zorn“ assoziieren möchte. Diese „Identifikation“ scheint tief zu sitzen: Schon vor 35 Jahren nannten ihn seine Kommilitonen an der New Yorker Juilliard School respektvoll „Mr. Beethoven“.

Um echte Neuproduktionen handelt es sich gleichwohl nur bei der zweisätzigen F-dur-Sonate, deren „perpetuum-mobile“-artigen Schlusssatz Korstick keck „swingen“ lässt, und bei der überraschend streng und kontrolliert, dabei wunderbar flüssig und dynamisch zugespitzt vorgetragenen „Appassionata“, die beide 2008 in Köln in schönster Mehrkanal-Auflösung aufgezeichnet wurden.

Die bei anderen Pianisten oft genug ungezügelt und haltlos ausufernde „Appassionata“ entpuppt sich in Korsticks gnadenlos präziser, konstruktiver Lesart als Meisterstück geschlossener Dramaturgie und einer bis ins kleinste Detail streng kontrollierten Ekstase. Den plötzlichen Stimmungsumschwung vom kontemplativen Seelenfrieden des Des-dur-Andantes zur wilden, nächtlichen Jagd des f-moll-Finales hat man so zwingend selten zu hören bekommen.

Die einleitende „Waldstein“-Sonate hat Korstick bereits 2003 in Pforzheim eingespielt, und schon zuvor bei Ars musici veröffentlicht: sie verhalf ihm damals (mit der ähnlich sensationellen „Hammerklaviersonate“) zum Durchbruch. Er sah jetzt keinen Grund, diese frühere Glanztat toppen zu wollen, und übernahm sie in seinen Oehms-Zyklus. Dennoch müssen die Tonmeister nachträglich ein wenig gezaubert haben, denn sie klingt jetzt, im neuen SACD-Kleid, deutlich wärmer, präsenter, natürlicher als in der alten Pressung. Nach Gulda und Gilels hat kein anderer Pianist in den letzten Jahren den philosophischen Kern und auch den emotionalen Motor von Beethovens Musik so kompromisslos und überzeugend auf dem Klavier umzusetzen verstanden wie Michael Korstick. Hier reift nach langer Zeit wieder eine bedeutsame Referenz des „Neuen Testaments“ heran.

Interpretation 95%
Editorischer Wert 90%

Michael Korstick – The Beethoven Cycle Vol.8
Klaviersonaten C-dur op. 53 („Waldstein“)
F-dur op. 54
f-moll op.57
(„Appassionata“)
Michael, Korstick, Klavier (Aufnahmen 2003, 2008)
Oehms Classics OC 661 (Hybrid-SACD)
TT: 57’48

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